Ein großartiger
Autor, Übersetzer und Fotograf …

Lothar Sauer, 
der August Sander der Nachkriegszeit

Im September 2020 wäre der Betzdorfer
90 Jahre alt geworden!


Stand: 05.10.2020

Er schrieb Gedichte in perfekt altmodisch gereimter und doch nie verstaubter Form, ist aber den meisten als der Vater von Gruselgeschichten-Sammlungen wie dem Klassiker „Die Geisterkogge“ (acht Auflagen im Herder-Verlag), „Die Satansschüler“ oder „Die Hexenesche“ bekannt. Unvergesslich sind auch seine Fotografien, die er von den 1960ern bis 90ern mit analogen Kameras machte und teils selbst im Heimlabor entwickelte: Lothar Sauer, geboren am 10. September 1930 und gestorben am 6. März 2018, war ein von vielen geschätzter Autor und ein Fotograf, der das Zeug dafür hat, eines Tages als der August Sander der Nachkriegszeit erkannt zu werden. Im September wäre er 90 Jahre alt geworden …

Nahezu einzigartig macht seine Fotografie Sauers „ästhetischer Schnappschuss“: ein unwiederbringlicher Augenblick, den er beim Streunen mit der Kamera in den Straßen Europas in Sekundenbruchteilen erkannte, den Fotoapparat hochriss und abdrückte. Viele seiner Bilder, könnte man denken, seien langwierig gestellt, ausgeleuchtet und komponiert worden. „Ein Schnappschuss? Unmöglich!“, mag man denken. Und doch entstand so ein Foto im Vorübergehen. 

Ja, er war ein bekennender Fußgänger: In stets sommerlicher 50er-Jahre-Bekleidung, auch im Winter, sah man ihn, der für stromlinienförmige Zeitgenossen ein Sonderling und Kauz war, jeden Tag per pedes durch Betzdorf zum Einkaufen gehen. Nachts brannte in seinem Haus an der Engelsteinstraße lange Licht. Dann saß er an der steinalten Schreibmaschine und tippte Short Storys oder verschickte Fotos an Freunde, Zeitungen und Verlage.

Er war ein „Nachtmensch“. Er schrieb noch lange Briefe (bis hin zu einem lebhaften Briefwechsel mit Wolf Biermann), zudem Übersetzungen großer französischer und englischer Lyrik. 

Und natürlich seine legendären Gruselgeschichten aus den 70er-Jahren. In jedem Band versammelte Sauer ein Dutzend klassischer Gothic Novels, die er übersetzte und „zum Vorlesen einrichtete“ oder selber schrieb. Im „Todeszauber“ (1986) sind dann nur seine eigene Geschichten zu finden. 

Vorlesen? Ja! Denn geprägt wurde der „ewige Knabe“, wie er sich selber nannte, nach dem Zweiten Weltkrieg von der Jugendbewegung: Er erlebte Sommerlager und holte den Traum einer nie erlebten wilden Jungenszeit nach: Lagerfeuer, Zeltnächte, Sternenhimmel, Fahrtenlieder zur Gitarre. Dies alles ließ ihn nie mehr los. Später wetterte er gegen die „Wohlstandsknaben“, trat für ein wildes Jungenleben jenseits von Fernseher und Internet ein. 

Kein Wunder, dass seine Romane in der Kindheit spielen: „Die Jungen von Neulati“ (1960; Neuauflagen 1971, 1978; übersetzt ins Holländische und Französische) sowie das Romanfragment „Negus futschikato“, in dem sich der Autor von seiner sprachschöpferischsten Seite zeigt – beides fast vergessen – wie auch sein Gedichtband „Zähle den Sand“ (2005) und die  teils unübertroffenen Übersetzungen vor allem französischer Lyrik, unter denen Arthur Rimbauds „Trunkenes Schiff“, Baudelaires „Albatros“ und Rudyard Kiplings „If“ hervorstechen. Gleich den kompletten Roman „Notre prison est un royaume“ (1948) von Gilbert Cesbron übertrug Sauer ins Deutsche („In unserem Kerker sind wir frei“, 2010). Einige seiner Bücher und Fotobände werden heute, da sie vergriffen sind, für hohe Summen bei Amazon gehandelt. Die „Geisterkogge“ wurde zum Klassiker.

Der in Essen als Arztsohn geborene Künstler scheiterte am Alltag und „normalen Leben“: Als fertig ausgebildeter Lehrer wollte er nicht arbeiten. Die Schüler entsprachen nicht seinen hohen Idealen von Geistesbildung, von  Goethe, Schiller, Heine, Keller, Fontane, Baudelaire, Rimbaud, Hesse, Hemingway und anderen. 

Von seinem Vater, einem Kinderarzt, erbte er Haus und eine kleine Rente. Er lebte immer äußerst bescheiden. Ausnahmen bildeten seine Reisen zwischen 1980 und 2007 in 30 meist subtropische Länder – die er nicht als Urlauber unternahm, sondern als Fotograf, der nichts im Sinn hatte als den perfekt komponierten Schnappschuss. Dabei nutzte Sauer nie eine Digitalkamera, nahm erst ab 1985 ein Zoomobjektiv, ab 1995 einen Autofokus. Aber auch August Sander, der gebürtige Herdorfer, dessen Fotos längst in aller Welt ausgestellt werden, hatte nur eine alte analoge Kamera. Die Technik zählt eben nicht allein, sondern „der Mann mit dem Blick“, der hinter der Kamera steht.

Sauers Fotos, viele seiner Texte sowie seine Biografie gibt es im Internet unter www.lothar-sauer.de


Foto links: Selbstportrait (Lothar Sauer 1967).
Foto rechts: 
Lothar Sauer im Alter von 86 Jahren in seinem Haus, in dem an den Wänden von Arbeitszimmer, Küche und Flur seine Fotos hingen.
Foto: © Peter Seel

Legendär sind Lothar Sauers Anthologien mit klassischen „Gothic Novels“ (im Deutschen etwas simpel „Gruselgeschichten“ genannt), die er zusammentrug und übersetzte, Klassiker wie „Die Geisterkogge“. 


Kaum zu glauben: Nicht gestellt, sondern ein typischer Sauer-Schnappschuss aus einer Zeit, als Schaufenster-Schriftzüge noch per Pinsel aufgetragen wurden (1966). Das Motiv sehen und abdrücken, das war für Sauer eins.


Eines von Lothar Sauers aussagekräftigsten Fotos, das er 1981 aus Sri Lanka mitbrachte.


Ohne Autofokus (das Scharfstellen erfolgte noch per Hand) und  ohne die heute übliche Digitaltechnik gemacht: Wenn Sauer ein Motiv vorschwebte, dann hatte er Geduld (Paris 1980).


Zu den besten Fotos gehören für den Menschenfotograf Lothar Sauer aus Betzdorf Motive mit Kindern. 


Foto links: Treffliche Silhouette: Deutsche Jugendmeisterschaften 1971 in Lübeck.
Foto rechts: 
Sport und wildes Jungenleben gehörten zu Sauers Lieblingsmotiven (hier: Höllenkopf in Hessen 1965).

ww-events-online verwendet Cookies, um die Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie dieser Verwendung zu.